Gedanken zu Markus 10,46-52
Die Story von Bartimäus
Auf seinen vielen Reisen kommt Jesus auch durch Jerichow. Von dort will er mit seinen Jüngern und etlichen anderen Leuten weiter nach Jerusalem. Der Weg ist nicht ganz leicht. Nicht nur, weil ca. 1000 Höhenmeter zu überwinden sind (Jerichow liegt in der Nähe des Flusses Jordan, nordöstlich von Jerusalem – Jerusalem selber liegt im Gebirge). In diesem einsamen Gelände muss man auch ständig mit Überfällen rechnen. Daher machen sie sich mit mehreren Leuten auf den Weg.
Als sich die große Menschenmenge Richtung Stadttor bewegt, kommt sie auch bei dem blinden Bettler Bartimäus vorbei. (V.46) („Bartimäus“ heißt übersetzt „Sohn des Timäus“) Als dieser hört, dass es Jesus ist, der da vorbeigeht, ruft er laut: „Jesus, Sohn Davids, hab Erbarmen mit mir!“ Das ist keine so normale Bezeichnung für einen Menschen. „Sohn Davids“ war eine Bezeichnung für den „Messias“ (Gesalbter) in Israel. Ein Mann, der von Gott durch die Propheten im alten Testament verheißen wurde, Israel zu erretten und alles wieder gut zu machen. Ein Mann, von dem niemand genau wusste, wann er kommen würde und wer er war, aber auf dem alle Hoffnungen Israels gerichtet waren. Man muss sich das mal so vorstellen. Wenn ich früher meinen Freund quer über den Schulhof zugerufen hätte: „Hey, Thomas, komm mal rüber!“ - dann würden sich wahrscheinlich nur wenige umdrehen. Aber wenn ich gerufen hätte: „Thomas, du Hoffnung Deutschlands!“ dann würden sich bestimmt mancher mehr fragen, wer dieser Thomas sei ... und ... welcher Depp solch salbungsvolle Formulierungen rumschreit. Das war ein Bekenntnis, was der Bartimäus da rief. Ein Bekenntnis voll Hoffnung, voller Erwartung, voll Glauben an Jesus. Und er ruft nicht nur so, sondern er schreit um Erbarmen.
Doch kaum hatte er gerufen, kommen schon die ersten Einschüchterungsversuche. Er solle schweigen, raunen die Leute. (V.48) Kaum Glauben gezeigt, ein Bekenntnis gewagt, entsteht Gegenwind. Kein sofortiges „Ja, wer ruft denn da?“ von Jesus, sondern ein „Halt die Klappe!“ der Menge. Jesus schien ihn nicht zu hören und die Menschen um ihn herum redeten auf ihn ein, dass sein Rufen nerve und es auch keinen Zweck habe, weiter zu schreien. Wenn Gott schweigt und die Welt uns die Ohren voll grölt, ist das eine massive Attacke und Anfechtung für den frisch gewagten Glauben. Was tun?
Bartimäus resigniert nicht. Er gibt nicht auf. Ganz im Gegenteil: er schreit lauter. Was für ein Gebet und was für ein Glaube! Er lässt sich nicht von der ersten Nichterhörung abschrecken, sondern betet mutig und um so lauter weiter.
Daraufhin bleibt Jesus stehen und lässt Bartimäus zu sich rufen. (V.49) Erhört. Doch wie? Ja, kann Jesus nicht mal zu dem armen Bettler hingehen, dass er ihn rufen lässt? Was soll das? Ein weiterer Glaubenstest? Fast möchte man es meinen. Denn so hat Bartimäus die Chance, auf die Aufforderung Jesu zu reagieren. Und wie er reagiert.
Bartimäus wirft seinen Mantel ab, springt auf und kommt zu Jesus. (V.50) Ein Blinder, der aufspringt! Dies ist nicht nur ein Zeichen von Freude und Begeisterung. Der Mantel, ein Obergewand, war ein quadratisches Tuch, was auch als Schlaf-, Reit- und Transportdecke genutzt wurde. Bartimäus hatte dieses Tuch wohl zum Teil um die Schultern und in den anderen Teil vor sich das erbettelte Geld gesammelt. Als er aufsprang, hat er nicht erst das Geld zusammengelesen. Er lässt alles so stehen und liegen – seinen Mantel und sein Geld, sein Einkommen. Er gibt alle seine Sicherheit auf und hofft allein auf Jesus, dass dieser ihm mehr gibt, als das. Er lässt sein Leben sozusagen im Vertrauen auf Jesus hinter sich. Und dies, ohne dass er Jesu Wirken schon erlebt hat. Er vertraut, gibt auf, ohne schon empfangen zu haben!
Und als er so, ohne alles, zu Jesus kommt, fragt dieser ihn: „Was willst du, das ich dir tun soll?“ (V.51) Was für eine Frage. Sieht Jesus das Problem des Bartimäus denn nicht? Oder ist dies wieder eine Art Test? Oder ist es Jesus einfach wichtig, was er wirklich will, bevor er ihm einfach Hilfe aufdrängt? Das gängige, was Pilger und Fromme Leute zu bieten hatten und was ein Blinder von ihnen bekommen konnte, waren Almosen. Fragt er ihn deshalb? Wollte er schauen, ob Bartimäus jetzt auch Almosen will? Nun steht Bartimäus vor Jesus, von allen beobachtet, mitten im Zentrum. Nun steht er in der Gefahr, nicht nur seine Bettelstelle, sondern auch sein bisschen Ruf zu verlieren, indem er sagt: „Mach mich sehend!“ – und dann funktioniert es nicht. Da wäre es doch verständlich, wenn Bartimäus gesagt hätte: „Hast du etwas Geld für mich?“. Aber nein, er lässt sich nicht verunsichern. Er geht nicht auf die Versuchung der kleineren Bitte ein. Er glaubt weiter, dass dieser Jesus nicht nur ein frommer Pilger, sondern der Messias sei, der gekommen ist, und von dem es heißt, dass er Blinde sehend machen könne. Und so antwortet er: „dass ich sehen kann.“
Und daraufhin sagt Jesus: „Geh nur! Dein Glaube hat dich gerettet.“ und Bartimäus wird sehend. (V.52) Ein Glaube, der in dieser kurzen Zeit durch einige Prüfungen gehen musste (weiter schreien/beten trotz „Gegenwind“; alle Sicherheiten aufgeben; vor Jesus ehrlich sagen, was er will) und der sich bewährt hat.
Und jetzt kann Bartimäus, dank Jesus, sehen! Und dass es ein neues „Sehen“ in mehrfacher Hinsicht ist, sieht man daran, dass er Jesus nachfolgt. Solch ein Glaube, der in Jesus den Messias, den von Gott gesandten, erkennt, alle Sicherheiten aufgibt und von IHM alle Hilfe erwartet, mündet unweigerlich in Nachfolge. Denn er hat alles auf Jesus gesetzt und wurde nicht enttäuscht. Er hat nichts anderes mehr – aber er braucht auch nichts anderes mehr als Jesus.
Was wir von Bartimäus lernen können
In gewisser Weise sind wir alle Blinde. Wir sind „geistlich“ blind. Wir sind blind für die Wirklichkeit Gottes, für seine Herrlichkeit und Liebe. Wir erkennen nicht, was Gottes guter Wille und Plan mit uns ist. Was Gott angeht, sind wir auch Bettler. Gott zu erkennen, Ihn zu lieben, Seinen Willen zu tun – all das liegt uns nicht. Wir können es nicht. Wir können es nur von außen (von Gott) erbitten und empfangen. Als geistliche Blinde und Bettler können wir eine Menge von Bartimäus lernen.
Zum einen können wir lernen, zu rufen und zu bitten wie er. Lasst uns Jesus anrufen, dass Er sich über uns und über die Blindheit der Menschen um uns herum erbarmt. Rufen, wie Bartimäus es getan hat, ist nicht nur mal eben ein Gebet, wann es grad reinpasst. Es ist ein Schreien zu Gott, wo die ganze Existenz dran hängt. Lasst uns um so mehr zu Jesus rufen, wenn Hindernisse aufkommen, wenn Leute (Klassenkameraden, Direktoren, Eltern, Leute in den Medien,...) uns sagen wollen, dass es nichts bringt und dass wir aufhören sollen! Lasst uns beten – immer und immer wieder – bis Er uns erhört hat!
Und was sollen wir erbitten? Inhalt unseres Rufens und Schreiens zu Ihm sollte nicht Glück und Zufriedenheit sein. Lasst uns nicht der Versuchung der kleineren Bitte nachgeben und nur um „Almosen“ bitten. Sondern lasst uns wirklich um Heilung unserer geistlichen Blindheit bitten. Dass Jesus uns die Wahrheit, Ihn selbst erkennen lässt – dass wir Ihn alle Zeit sehen dürfen und auch sehend für unsere Mitmenschen um uns herum werden. Und betet auch für unsere Mitmenschen: betet nicht nur, dass es ihnen äußerlich gut geht, sondern, dass sie „sehend“ werden!
Unser Gebet sollte nicht höflich und fromm, sondern echt sein. Jesus fragt auch uns: „Was willst du, was ich dir tun soll?“. Lasst uns ehrlich und offen antworten, so wie es Bartimäus getan hat: gerade heraus, was uns auf dem Herzen liegt. Jesus interessiert sich für die Not, die uns gerade beschäftigt und nicht für oberflächliche, fromme Richtigkeiten.
Unser ständiges Bitten und Flehen zu Jesus wird ein Bekenntnis werden. Das Bekenntnis, dass wir unsere eigene Hilflosigkeit (Blindheit und Armut) erkannt haben. Und es wird das Bekenntnis sein, dass wir Hilfe von Ihm erwarten. Dass wir Ihn als „Heiland“ sehen, der alles heil machen kann; als Retter, der aus Verlorenheit rettet. Und wenn Er dann handelt, heilt und neues Sehen schenkt, dann wird es weit mehr als ein Bekenntnis sein. Es wird ein Zeugnis. Ein Zeugnis dafür, dass Jesus wirklich Gottes Sohn ist und wirklich neues Leben und Sehen schenkt. Es wird unseren eigenen Glauben, und den anderer, stärken.
Wie Jesus Bartimäus zu sich gerufen hat, so ruft Er auch uns. Lasst es uns auch hier Bartimäus gleichtun. Lasst uns im selben Glauben alle Sicherheiten aufgeben und alles auf eine Karte setzen: Jesus! Dann sind wir frei für die Nachfolge. Hat Jesus uns sehend gemacht (und er tut es in gewisser Weise immer wieder, wenn unser Blick betrübt worden ist und wir Ihm das bekennen), dann lasst uns Ihm kompromisslos folgen!
Verfasst von Johannes Gerhardt.
Veröffentlicht am 19.10.10.
